Rittergrabmäler

Zu den eindrucksvollsten und authentischsten Darstellungen mittelalterlicher Menschen gehören die in unseren alten Kirchen noch überaus zahlreich anzutreffenden Epitaphien. Epitaphien sind Grabdenkmäler, also Bildwerke, aufgestellt zur Erinnerung an verstorbene Personen. Dieser Brauch geht auf die Spätantike zurück.

Während der Völkerwanderungszeit weitgehend vergessen, erscheinen Grabdenkmäler mit Bild, Wappen oder Schrift erst wieder im 12. Jahrhundert, in Frankreich und England etwa 50 Jahre früher als in Deutschland. Zu Anfang nur dem Hochadel vorbehalten, als Deckel von Tumben (Tumba = Hochgrab) oder Deckplatten von im Boden eingelassenen Gräbern, war es ab dem 14. Jahrhundert vor allem die Ritterschaft, die sich aus Gründen der Repräsentation und Selbstdarstellung ihres Standes mit großteils aufwändigen Grabdenkmälern verewigte. Aus Platzmangel konnten die fast immer lebensgroßen Bildwerke bald nicht mehr direkt dem Grab zugeordnet werden, sondern wurden an anderen exponierten Stellen der Kirche, meist im Chor aufgestellt. In Grablegen bedeutender Familien sind so oft eindrucksvolle Ahnengalerien entstanden.

Da alle Personen immer in zeittypischer Tracht oder Rüstung dargestellt sind, hat sich auf diese Weise über Jahrhunderte ein äußerst vielfältiger Bestand an bis ins kleinste Detail gehenden Abbildungen erhalten, die an anderen Realien sonst kaum nachweisbar wären. Allein die zeitliche Entwicklung und Formenvielfalt des ritterlichen Harnischs kann so fast lückenlos nachvollzogen werden.

Meist sind die Epitaphien aus Stein gearbeitet, aber auch gegossene Bronzefiguren oder -flachreliefs sind häufig. Ebenso kommen Holzbildwerke, Tafelbilder oder Freskogemälde vor, vielfach von bedeutenden Bildhauern und Künstlern wie Tilmann Riemenschneider oder Peter Vischer.

Ursprünglich meist als Idealfiguren dargestellt, erhalten die Personen ab dem späten 15. Jahrhundert immer mehr porträthafte Züge. Auch die heraldische Darstellung von Vorfahren und Abstammung, die Ahnenprobe, gehört ebenso wie Devisen und symbolhaftes Beiwerk, z.B. Hunde und Löwen, zum unverzichtbaren Zubehör des Grabdenkmals eines vornehmen Verstobenen.
Doppelgrabdenkmäler beider Ehepartner sind häufig, ebenso wie Familiengräber, die auch sämtliche Kinder jeglichen Alters zeigen, und damit auch belegen, dass man schon zu Lebzeiten für ein standesgemäßes Erinnerungs-Monument sorgte. Die Darstellung der Personen ist vielfältig. Die Männer vom demütigen Büßer vor dem Kreuz bis zum selbstbewussten Heerführer in Feldherrenpose mit Fahne oder Streithammer, die Frauenbildnisse zeichnen sich oft durch Lebensnähe und Menschlichkeit aus, immer aber durch modisch aktuelle und standestypische Kleidung. Für die Kunst- und Kulturgeschichte, besonders natürlich auf dem Gebiet der Kostüm- und Waffenkunde bieten Epitaphien ein noch viel zu wenig bearbeitetes, umfangreiches Forschungsgebiet.


Zum Abschluß führe ich hier noch einige Kirchen und Klöster mit besonders eindrucksvollem und reichhaltigem Bestand an Grabdenkmälern auf:
  • Kloster Lorch und Oppenweiler, Württemberg,
  • Wertheim am Main,
  • Kloster Heilsbronn, Franken,
  • Elisabethkirche, Marburg,
  • Bibra und Römhild in Thüringen,
  • Oppenheim am Rhein und St.Johannisberg im Hunsrück.


  • Dieter Graf, Januar 2005